Strategie
Walled Garden oder eigene Website: Was du aufgibst, wenn du nur auf LinkedIn setzt
LinkedIn, Google Business Profile, Branchenregister: bequem, kostenlos, mit Reichweite. Aber was kostet die Plattform-Abhängigkeit wirklich? Eine ehrliche Bilanz.
Was viele gerade tun#
Wer heute startet, baut selten noch zuerst eine Website. Die Reihenfolge hat sich gedreht. Man legt ein LinkedIn-Profil an, pflegt vielleicht einen Newsletter dort, sammelt Bewertungen im Google Business Profile, trägt sich in ein Branchenverzeichnis ein. Das ist kostenlos, in einer Stunde aufgesetzt und hat von Tag eins ein Publikum.
Die Logik dahinter ist nachvollziehbar. Eine eigene Website kostet Geld und Zeit, sie hat erst mal null Besucher, und das Publikum sitzt sowieso schon auf den Plattformen. Warum also nicht dort bleiben, wo die Leute sind?
Weil du dort Gast bist, nicht Gastgeber. Und Gäste leben nach den Regeln des Hauses.
Was Plattformen wirklich gut können#
Fair bleiben gehört zur Ehrlichkeit. Plattformen haben echte Stärken, und die solltest du nutzen.
Sie geben dir Reichweite, an die du sonst nicht herankommst. Jemand, der nie deine Website besuchen würde, scrollt an deinem LinkedIn-Beitrag vorbei. Sie senken die Hürde für den ersten Kontakt: eine LinkedIn-Nachricht schreibt sich lockerer als eine förmliche E-Mail. Sie liefern dir fremdes Vertrauen frei Haus, etwa über Google-Bewertungen, denen Menschen mehr glauben als deiner eigenen Selbstbeschreibung. Und sie zeigen dir schnell, ob ein Thema zieht, bevor du Aufwand hineinsteckst.
Das sind reale Vorteile. Niemand sollte LinkedIn oder Google Business meiden. Die Frage ist nicht ob, sondern in welcher Rolle.
Was du dort strukturell aufgibst#
Plattformen sehen harmlos aus, weil sie gratis sind und funktionieren. Der Preis steht nirgends auf der Rechnung. Er ist strukturell, und du merkst ihn meist erst, wenn es zu spät ist.
1. Souveränität über deine Darstellung#
LinkedIn entscheidet, wie dein Profil aussieht. Google Business entscheidet, welche Felder es überhaupt gibt. Substack bestimmt Layout, Schriftart und die Links im Footer. Du bekommst eine Schablone und füllst sie aus. Dein Auftritt sieht aus wie der von Millionen anderen Profilen, weil dieselbe Schablone Millionen anderen Profilen zugrunde liegt.
Für Berufe, die von Distinktion und Vertrauen leben, ist das eine ernste Schwäche. Treuhand, Recht, Beratung, Medizin: Gerade hier zählt der Unterschied zur Masse. Wenn die Plattform die Masse strukturiert, kannst du dich kaum davon abheben.
2. Datenhoheit#
Die Mandantenkontakte, die über LinkedIn entstehen, sind LinkedIn-Kontakte. Die Newsletter-Abonnenten auf Substack sind Substack-Abonnenten. Du nutzt diese Verbindungen, aber du besitzt sie nicht. Wenn die Plattform Bedingungen, Preise oder Sichtbarkeit ändert, kommst du nicht heraus, ohne deine Verbindungen zurückzulassen.
Bei Google-Bewertungen wird das konkret. Du kannst deine Profildaten über Google Takeout herunterladen, aber nur als JSON, und einen sauberen Export der Bewertungen auf eine andere Plattform gibt es schlicht nicht (Google Business Profile Help). Die Reputation, die du dir über Jahre aufgebaut hast, lebt dort und nirgends sonst.
3. Kontrolle über Indexierung und KI-Sichtbarkeit#
Das ist der subtilste Verlust und für die nächsten Jahre der teuerste. Plattformen entscheiden, was Suchmaschinen und KI-Crawler von dir sehen. LinkedIn-Inhalte liegen teils hinter Login, sind schwer durchsuchbar und werden von KI-Systemen oft als Plattform-Aussage behandelt, nicht als deine eigene. Der Unterschied ist hörbar: "LinkedIn sagt" klingt anders als "deine-firma.ch sagt". Die zweite Variante ist die, die du willst.
Warum das zunehmend zählt, haben wir im Detail im Pillar beschrieben: Website im KI-Zeitalter. Kurz gesagt: Wer als Quelle einer KI-Antwort zitiert wird, gewinnt. Wer nur als Plattform-Profil existiert, hat darüber wenig Kontrolle. Auf deiner eigenen Domain bestimmst du, was crawlbar ist (robots.txt), welche Daten du strukturiert bereitstellst (Schema.org) und wie du dich gegenüber KI-Crawlern verhältst.
4. Plattform-Risiko#
Du bist auf einer Plattform die schwächere Vertragspartei. Sie ändert die Regeln, du passt dich an. Das ist keine Theorie, dafür gibt es eine lange Liste.
Google+ wurde 2019 für Endkunden abgeschaltet, der Nachfolger Currents 2023 (Wikipedia). Twitter wurde im Juli 2023 zu X, mitsamt neuem Namen, neuen Regeln und neuem Geschäftsmodell (EM360Tech). Substack geriet Anfang 2024 in eine Kontroverse um die Moderation extremistischer Newsletter, entfernte nach Wochen öffentlichen Drucks einige Publikationen, hielt aber grundsätzlich an seinem Moderationskurs fest (CNN Business). Jede dieser Entscheidungen war einseitig. Die Nutzer hatten keine Stimme dabei.
Auch ohne dramatische Schlagzeile trifft dich das. LinkedIn baute im November 2024 seinen Algorithmus um. Die organische Reichweite von Unternehmensseiten fiel laut mehreren Branchenauswertungen zwischen 2024 und 2026 um 60 bis 66 Prozent; persönliche Profile wurden gegenüber Unternehmensseiten stark bevorzugt (Hootsuite, TryOrdinal). Wer seine Sichtbarkeit dort aufgebaut hatte, sah sie teilweise über Nacht schrumpfen, ohne etwas falsch gemacht zu haben. Auf deiner eigenen Domain ändert sich genau das, was du änderst.
5. Inhalts-Eigentum und Exportierbarkeit#
Was bekommst du zurück, wenn du in fünf Jahren von einer Plattform weg willst? Im besten Fall einen Export, der nirgendwo sonst sauber einliest. Drei Jahre sorgfältig formulierte Beiträge, oft als unstrukturiertes HTML oder JSON, ohne saubere Verlinkungen, ohne Struktur, mit Bildern, die anderswo liegen. Substantiell bedeutet das: weitgehend verloren.
Bei einem guten Website-Setup exportierst du jeden Artikel als sauberes Markdown. Struktur bleibt, Verlinkungen bleiben, du ziehst um, ohne Substanz einzubüssen. Das ist der Unterschied zwischen einem digitalen Asset und einem digitalen Mietverhältnis.
Die richtige Architektur: Hub und Spokes#
Die Lösung ist nicht, Plattformen zu meiden. Die Lösung ist, ihnen die richtige Rolle zu geben.
Deine eigene Website ist der Hub, die Heimadresse. Die Plattformen sind die Spokes, die Wege dorthin. Ein Beispiel für einen Inhalt, der das durchspielt: Du veröffentlichst einen Fachartikel auf deiner eigenen Domain. Auf LinkedIn setzt du einen Teaser mit Link darauf. Im Newsletter weist du darauf hin. Wo es passt, machst du daraus einen eigenständigen Folge-Beitrag. Alle Wege führen zum Hub, und der Hub gehört dir.
Der Vorteil zeigt sich im Bruchfall. Wenn eine Plattform stirbt, ihre Regeln ändert oder deine Reichweite kappt, steht der Hub noch. Du verlierst einen Verteilkanal, nicht dein Zuhause. Wer nur Verteilkanäle hat, ist Wandervolk. Wer nur eine Heimadresse ohne Verteilkanäle hat, sitzt im stillen Kämmerlein. Du brauchst beides, aber die Heimadresse ist die nicht-verhandelbare Voraussetzung.
Der Souveränitäts-Test#
Drei Fragen geben dir in fünf Minuten ein ehrliches Bild deiner Lage.
Erstens: Wenn LinkedIn morgen verschwindet, wie viel deiner geschäftlichen Online-Präsenz verlierst du? Wenn die Antwort "fast alles" lautet, hängst du an einem einzelnen Faden.
Zweitens: Wenn du dich entscheidest, von einer Plattform wegzugehen, wie viel kommt mit? Deine Kontakte, deine Beiträge, deine Bewertungen, deine Reichweite? Wenn die Antwort "wenig" lautet, gehört dir weniger, als du denkst.
Drittens: Wer kontrolliert heute, was Google und ChatGPT über dich finden? Wenn die Antwort "die Plattform" lautet, hast du diese Kontrolle abgegeben.
"Fast alles", "wenig", "die Plattform": Wenn das deine drei Antworten sind, hast du kein Reichweitenproblem. Du hast ein strukturelles Problem. Das lässt sich beheben, aber nicht mit dem nächsten Post.
Was die eigene Domain leistet, was Plattformen nicht können#
Eine Domain ist eines der wenigen digitalen Dinge, die du tatsächlich besitzt. Ein paar Franken Gebühr pro Jahr, und solange du die Verträge einhältst, kann sie dir niemand wegnehmen. Sie überlebt jeden Plattformwechsel.
Sie ist der Ort, an dem du das volle Bild kontrollierst: Tonalität, Layout, Struktur, was zuerst sichtbar wird, welche Belege du zeigst. Nirgendwo sonst hast du diese Kontrolle. Sie ist der Beleg deiner Ernsthaftigkeit, denn wer dich heute prüft, googelt kurz und sieht nach, ob es eine eigene Website gibt. Und sie ist die Quelle, die KI-Systeme als deine Aussage werten, nicht als die einer Plattform.
Dazu kommt die ehrliche Versicherung: Eine gute moderne Website lässt sich vollständig als Markdown exportieren. Jeder Artikel, jede Seite, jede Kundenstimme als Textdatei, die du in zwanzig Jahren noch öffnen kannst. Das klingt banal, ist aber genau die Eigenschaft, die ein Mietverhältnis von Eigentum trennt.
Was Webeo dazu beiträgt#
Webeo baut die Heimadresse, nicht den Ersatz für Plattformen. Konkret heisst das: eigene Domain, eigener Hosting-Account, vollständig dein Eigentum. Jeder Inhalt als Markdown exportierbar. Du bestimmst, was KI-Crawler sehen und was nicht. Plattformen werden sauber integriert, über Social-Sharing, Open-Graph-Tags und Verlinkungen, aber sie werden nicht zum Zentrum gemacht.
Das ist die Rollenverteilung, die wir für richtig halten. Die Plattformen verteilen, die Website hält. Wenn du wissen willst, wie deine Präsenz heute aufgestellt ist und wie viel davon dir wirklich gehört, vereinbare ein unverbindliches Audit-Gespräch. Wir zeigen dir den Stand, du entscheidest, was damit geschieht.
Geschrieben von
Mitgründer & Principal Staff Engineer
Senior Software Architect und Mitgründer von Webeo. Über 20 Jahre in Software- und Web-Entwicklung. Schreibt zu Web-Architektur, Performance und KI-Sichtbarkeit.
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